Während den Sommerferien ging es für achtzehn Schülerinnen und Schüler der Gymnasien Thun und Kirchenfeld zusammen auf eine Sprach- und Kulturreise ins Baltikum.
Text Darja Bolzli, Regína Waltová, 24g, Jacqueline Sposato
Fotos Alissa Tschanz, 24gP, Jacqueline Sposato
Die Schüler und Schülerinnen beider Klassen kannten sich bereits aus einer gemeinsamen Intensivwoche (g2) in Münsingen, in der sie sich intensiv mit der russischen Sprache auseinandergesetzt und auf das Sprachzertifikat TRKI vorbereitet hatten. So sieht es der 2019 eingeführte Schulversuch Russisch vor. Die zweite Begegnung besteht in einer Reise Ende des dritten Ausbildungsjahres, die diesmal nach Riga (Lettland) und Tallinn (Estland) führte.
Weshalb Riga und Tallinn?
Frühere Schwerpunktklassen des Fachs Russisch erlebten jeweils eine Sprach- und Kulturreise nach Uschhorod (russisch Ужгород, sprich Uschgorod) in der südwestlichen Ukraine. Wegen des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine haben die Russischlehrpersonen der Gymnasien Kirchenfeld und Thun das Baltikum als Reisedestination gewählt: Beide Länder sind heute Mitglieder von EU und NATO, verfügen aufgrund ihrer Geschichte über eine grosse russischsprachige Bevölkerung (25 bis 35 Prozent) und bieten viele sehr gute Sprachschulen an. So durften sich die Schülerinnen und Schüler in der ersten Woche einem Sprach- und Kulturprogramm der Slavistik der Universität Fribourg anschliessen.
Sowohl Riga wie Tallinn sind kulturell und historisch unglaublich interessante Städte, die viele Möglichkeiten bieten, sich sowohl mit der osteuropäischen Geschichte zu befassen als auch die Ereignisse der Gegenwart besser zu verstehen. Und dabei eben auch noch die Kenntnis der russischen Sprache zu verbessern. Doch nun genug erklärt. Jetzt ist es Zeit für ein paar Ausschnitte aus den Reisetagebüchern einiger Thuner Schülerinnen!
Sonntag, 9. Juli
Heute sind wir Richtung Baltikum gestartet! Wir waren alle froh, die Russischklasse aus Bern wieder zu sehen. Wir kannten sie schon aus der Intensivwoche des letzten Jahres. Beim Warten am Flughafen spielten wir viel Uno. Angekommen in Riga war ich wirklich überrascht, wie schön unsere Wohnungen waren. Jede Person bekam ein Einzelzimmer! Am Abend hatten wir grossen Hunger, glücklicherweise war eine tolle Pizzeria in der Nähe noch geöffnet. Hier werden wir bestimmt noch ein paar Mal vorbeikommen.
Montag, 10. Juli
Der Tag begann mit unserem ersten Sprachkurs. Ein Highlight des Tages: das Mittagessen im Lido-Restaurant, einer Art Kantine mit osteuropäischen Spezialitäten. Im Anschluss machten wir eine Stadtführung mit unserem engagierten Guide, Elena. Wir lernten viel über die unzähligen Bauten Rigas im Jugendstil sowie im Stil des „национальный романтизм“ [nazionalnyj romantism, zu Deutsch «Nationalromantik»]. Der Architekt und Designer dieser einzigartigen Fassaden war Eisenstein, der Sohn des berühmten, gleichnamigen Regisseurs.
Dienstag, 11. Juli
Heute gingen wir ins Lettische Okkupationsmuseum, das die Besetzung des Landes zuerst durch die Nazis, dann durch die Sowjets dokumentiert. Es war sehr eindrücklich.
Ich würde aber behaupten, mein Highlight des Tages war unser selbst gekochtes Abendessen sowie ein nächtlicher Spaziergang durch Riga. Hoch im Norden ist es hier bis zwei Uhr morgens noch hell bzw. nur leicht dämmrig!
Mittwoch, 12. Juli
Ein Tag am Meer! Wir sind in einer „электричка„ (Elektritschka = Vorortbahn) nach Jūrmala gefahren, haben eine kleine orthodoxe Kirche besucht und den Rest des Tages am Meer verbracht. Wunderschön. Wir spielten Volleyball und lachten viel – so stelle ich mir den perfekten Sommer vor!
Donnerstag, 13. Juli
Heute kein Sprachkurs, dafür eine Exkursion zu einem Bunker aus der Sowjetzeit. Nach einer zweistündigen Busfahrt durch einen scheinbar nie endenden Wald erreichten wir ein abgeschottetes Gebäude irgendwo im Nirgendwo. Auf den ersten Blick schien es, als seien wir den langen Weg nur gefahren, um in einer Art REHA-Zentrum für Betagte zu landen. Dann erfahren wir aber, was bis 2003 niemand wusste: Neun Meter unter dem Zentrum liegt ein Bunker, ein bis vor 20 Jahren bestgehütetes Geheimnis. Heute ist der Bunker zwar nicht mehr geheim, darf aber nur im Rahmen einer Führung besucht werden. Erbaut hatte man ihn für den Fall eines Atomkriegs, wobei nur die kommunistische Elite darin hätte Schutz finden dürfen. Aber ob der wirklich geschützt hätte?
Die Führung war sehr beeindruckend, die Atmosphäre schon etwas gruselig. Zurückversetzt in die Zeit der Sowjetunion mit Büsten von Lenin, roten Flaggen mit Hammer und Sichel und einem roten Telefon mit direktem Draht in die Zentrale Moskaus … für den Fall der Fälle.
Danach ging’s zum Glück wieder an die frische Luft: Wir badeten in einem Fluss und assen an einem wunderschönen Ort auf dem Land zu Mittag. Auf der Rückreise machten wir einen Stopp in einem Freizeitpark. Schade, hatten wir nicht mehr Zeit! Dort hätte man noch so viel machen können, wie einen Seilpark besuchen oder einen steilen Hügel in einer Kugel runterrollen. Aber immerhin reichte es für eine Fahrt in einer Sesselbahn, ein kurzes Bad in einem weiteren Fluss mit Sandstrand und Muscheln sowie für ein typisch osteuropäisches Eis, den Plombir.
Am Abend ging’s kulinarisch in ein anderes osteuropäisches Land: Wird durften – für viele zum ersten Mal – die georgische Küche ausprobieren.
Freitag, 14. Juli
Am heutigen Tag war Kochen angesagt! Jede Gruppe bekam ein russisches Gericht zugeteilt, für das sie auf dem «рынок» (sprich «Rynok», russisch für «Markt») zuerst die entsprechenden Zutaten kaufen musste. Natürlich alles auf Russisch! Der Rynok ist ein ungewöhnlicher Markt, denn er befindet sich in fünf ehemaligen Luftschiffhallen für Zeppeline. Gesprochen wird hier überall Russisch, wir konnten also unsere Sprachkenntnisse gut anwenden. Also auf zum Rynok!
Das Besorgen der Zutaten und das Kochen war ein sehr lustiges Unternehmen. Unsere Gruppe war zuständig für den „Olivier-Salat“ [Anmerkung: bekannt bei uns als «Russischer Salat»]. Ich finde, dieser ist uns gut gelungen. Das Essen war wirklich fein! Am Abend gingen wir schliesslich noch in unseren Lieblingspark und spielten dort, wie fast jeden Abend, Basketball.
Das Highlight des Tages war das Essen und damit meine ich auch die 12 kg-„арбуз“ [Arbus = Wassermelone], die wir zu acht als Mitternachtssnack verspeisten …
Samstag, 15. Juli
Heute haben wir fast den ganzen Tag frei bekommen, um ein kurzes Video über „Моя Рига“ (Mojá Ríga = Mein Riga) zu drehen. Wir waren in kleinen Gruppen unterwegs. Ich fand es toll, noch einmal die Orte in der Stadt besuchen zu dürfen, an denen wir bereits waren. Das Filmen hat Spass gemacht. Der Austausch am Abend war etwas chaotisch und die Filmqualität nicht wirklich gut. Es war aber trotzdem ein schöner Abend und wir kamen kaum aus dem Lachen heraus. [Anmerkung: Wer Lust hat, darf den Film auf der Website der Fachschaft Russisch in besserer Qualität anschauen].
Anschliessend gingen wir in unsere Lieblingspizzeria und verabschiedeten uns somit von Riga, bevor wir ins nördliche Nachbarland, Estland, weiterzogen.
Sonntag, 16. Juli
Also wieder unterwegs. Wir fuhren mit einem sehr bequemen Bus von Riga nach Tallinn. Reisezeit: fünf Stunden. In Tallinn angekommen, machten wir als Erstes einen Stadtparcours. Es war schön und interessant, die Stadt in kleinen Gruppen auf diese Weise zu entdecken: Wir bekamen einen russischen Lückentext, in dem verschiedene Orte hervorgehoben waren. Unsere Aufgabe war es, die Lücken zu füllen und mit Fotos zu beweisen, dass wir die entsprechenden Orte auch wirklich gefunden hatten. Einen Bonuspunkt gab’s für «the craziest picture».
Montag, 17. Juli
Unser erster Tag in Tallinn begann mit der weitläufigen Aussicht vom 312 Meter hohen Fernsehturm aus. Es ist das zweithöchste Gebäude Nordeuropas, erbaut anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau. Die Aussicht von ganz oben war atemberaubend! Man konnte gefühlt ganz Estland sehen! Anschliessend gingen wir noch ans Meer. Das Wasser war kälter als in Jūrmala, aber es hatte Wellen und man konnte weit hinausgehen, da es recht seicht war. Der Abend war mein persönliches Highlight, denn wir gingen durch die Altstadt spazieren. Auch ein cooles In-Viertel voller Streetart konnten wir für uns entdecken.
Dienstag, 18. Juli
Auf dem heutigen Tagesprogramm stand das Estnische Freilichtmuseum Rocca al Mare. Dort konnten wir sehen, wie Menschen in Estland früher lebten: Es gab Häuser aus verschiedenen Epochen zu besuchen, die ältesten aus dem 17. Jahrhundert, das neuste aus dem Jahr 2010. Es war richtig spannend, da man in alle Häuser hineingehen durfte und alles sehr akkurat gestaltet war. Und wir haben gelernt, wie man Mühle spielt. Unseren letzten Abend verbrachten wir gemeinsam in einem russischen Restaurant, einer Pelmenitza. Spezialität: Pelmeni, eine Art russische Ravioli.
Mittwoch, 19. Juli
Heute sind wir schon um vier Uhr morgens aufgewacht, denn wir wollten uns bei Sonnenaufgang von Tallinn verabschieden. Wirklich ein sehr schönes Erlebnis! Gegen Mittag machten wir uns auf zum Flughafen und flogen via Riga zurück in die Schweiz. Wir werden Riga und Tallinn vermissen!





























































