Schülerinnen und Schüler des 24g-Jahrgangs haben sich interpretatorisch mit dem carmen 85 des Gaius Valerius Catullus auseinandergesetzt.
Text Milla Räz, Julia Flückiger, Elia Raharijaona, Emily Ryser, Jo de Sà, 24g
Teaserbild Pompejanische Wandmalerei
Catull (ca. 84 – 54 v.u.Z.) lebte in der ausgehenden römischen Republik und war Zeitgenosse von Caesar, Cicero, Pompeius, Crassus, Sulla und weiteren mächtigen Männern, den Karrieristen der Zeit. Catulls Lebensvorstellung lag anders: Er wollte Dichter sein und zusammen mit anderen Neoterikern, den Erneuerern, kleinere und feine carmina schreiben, die an die hellenistischen Dichter des vierten und dritten Jahrhunderts anknüpften. Neben der deftigen Kritik an den Zeitumständen und den korrupten Politikern ging es Catull vor allem um Emotionen und um seine konfliktbeladenen Liebesbeziehungen. Er beschreibt über viele Gedichte in unterschiedlichen Versmassen seine Beziehung zu Clodia, der er in Anlehnung an die griechische Dichterin Sappho den Namen Lesbia – Frau von der Insel Lesbos – gab.
Carmen 85 (carmen heisst Lied und Gedicht) ist das kürzeste seiner Gedichte und bietet seit Jahrhunderten Stoff für zahlreiche Interpretationen von Catulls Liebesgefühlen. Es ist ein zweizeiliges Distichon, bestehend aus einem Hexameter und einem Pentameter mit drei Elisionen. Die Lateinschülerinnen und der Lateinschüler der g3 haben neben vielen anderen carmina Catulls die beiden Verse übersetzt und sich interpretatorisch mit dem Gedicht befasst. (Max Bratschi)
Odi et amo. quare id faciam, fortasse requiris.
nescio, sed fieri sentio et excrucior.
Latein-nahe Übersetzung:
Ich hasse und ich liebe. Weshalb ich dies tue, fragst Du vielleicht.
Ich weiss es nicht, aber ich fühle, dass es geschieht, und ich quäle mich zu Tode.
Interpretationen
Mit dem Oxymoron in der ersten Zeile wird uns die Zerrissenheit des lyrischen Ichs dargelegt. Es liebt und hasst – die zwei stärksten Gefühle, die ein Mensch empfinden kann, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Doch sind sie das wirklich? Gerade weil sie als die zwei gegenüberliegenden Enden eines Gefühlsspektrums gelten, könnten sie auch zwei Seiten einer Münze sein. Kann jemand diese tatsächlich gleichzeitig verspüren oder weiss das lyrische Ich nur nicht genau, was es fühlt? Es ist sich schliesslich auch nicht bewusst, warum es überhaupt so stark fühlt, und sucht auch nicht nach einer Antwort. Es akzeptiert seine Gefühle, da es anscheinend auch nichts gegen sie unternehmen kann. Das Wort «Du» kommt im Text nur ein einziges Mal vor. Die angesprochene Person könnte ein Freund sein, die Person, für die es diese Gefühle verspürt, die Lesenden oder vielleicht sogar das lyrische Ich selbst. Ringt sein Herz mit seinem Verstand, der es eigentlich besser weiss, als sich so zu quälen? (Milla Räz, 24gA)
Im Gedicht geht es um die stärksten Gefühle, die Menschen füreinander empfinden können. Ist es überhaupt möglich, dass eine Person gleichzeitig hassen und lieben kann? Ich denke, dass Catull mit diesem Gedicht zeigen will, wie nahe sich Liebe und Hass stehen und wie schnell das eine in das andere umschlagen kann. Im Gedicht geht es hauptsächlich um das lyrische Ich. Die Du-Form wird lediglich einmal verwendet und es kommt auch keine Antwort. Ich denke deshalb, dass das Gedicht an einen Freund oder an den Leser gerichtet ist und nicht an die Du-Person. Im Gedicht steht, dass das lyrische Ich nicht weiss, warum es geschieht, es weiss aber, dass es geschieht. Mir scheint es so, als ob es sich damit abfindet und es sein lässt, auch wenn es sie quält. Ich frage mich, ob das lyrisch Ich besser auf sein Herz und die Gefühle oder auf den Verstand hören sollte. (Julia Flückiger, 24gF)
Catulls carmen 85 ist ein kurzes, aber kraftvolles und komplexes Gedicht. Es geht um Liebe und Hass. Das lyrische Ich sagt, dass es beides gleichzeitig empfinde. Es weiss selber nicht, wie dies möglich ist, aber es quält es sehr. Liebe und Hass gehören zu den intensivsten Gefühlen und liegen entgegengesetzt zueinander. Beide gleichzeitig zu empfinden, schafft eine hohe Ambivalenz. Es wird klar hervorgehoben, indem es in der fulmen in clausula, oder Blitz am Schluss, steht. Es geht wahrscheinlich um Gefühle zu Lesbia, die in vielen Gedichten Catulls vorkommt. Das lyrische Ich liebte sie sehr, aber dann muss irgendetwas geschehen sein, was es extrem verletzt hat. Das könnte zum Beispiel Untreue sein. Etwas, was auch auffällt, ist, dass häufig die erste Person verwendet wird. Das zeigt, dass es ein sehr persönliches Thema ist. Es ist auch eine Art Selbstreflexion, in welcher das lyrische Ich seine innere Welt analysiert. Einmal braucht es aber die zweite Person. Es ist also ein Dialog. Es könnte an irgendeine bekannte Person gerichtet sein, oder vielleicht wollte Catull es an die Leser seines Gedichts richten. Insgesamt ist carmen 85 eine spannende Darstellung der Komplexität menschlicher Gefühle und der Feinheiten menschlicher Beziehungen. (Elia Raharijaona, 24gS)
Gibt es so etwas wie «Hassliebe»? Oder kann man vielleicht gleichzeitig hassen und lieben? Das sind beides Fragen, die man sich beim Lesen dieses Gedichtes stellen könnte. In meiner Interpretation wird jedoch ein anderes Thema behandelt werden: Wie kann Liebe zu Hass werden? Die Liebe gilt als das stärkste positive Gefühl, welches ein Mensch empfinden kann. Im Gegensatz dazu steht der Hass, den man als stärkstes negatives Gefühl kennt. Wie kann es also passieren, dass ein Gefühl in das komplette Gegenteil kippt? Ich bin davon überzeugt, dass immer ein bisschen Hass in der Liebe steckt und dass es immer etwas gibt, was man im Hass liebt. Diese Verbindung bildet eine Brücke zwischen den beiden Polen. In diesem Gedicht wird also meiner Meinung nach aufgezeigt, wie schnell das Negative in der Liebe die Oberhand gewinnen kann. Der Leser wird daran erinnert, dass das Gute nicht immer so gut ist, wie es scheinen mag, und dass man deshalb darunter leiden kann, wenn man sich nicht dagegen wehrt. Der beste Beweis für diese These ist die Selbstliebe. Es ist beinahe unmöglich, sich selbst in vollem Masse zu lieben. Ein kleines Hassgefühl ist immer vorhanden und das ist auch gut so, denn es hält uns als Person im Gleichgewicht. Wenn es also möglich ist, dass eine Person allein diese beiden starken Gefühle in sich vereinen kann, dann ist es auch möglich, dass sich die Liebe zwischen zwei Personen in Hass verwandeln kann. (Emily Ryser, 24gA)
Ich hasse. Ich liebe. Im carmen 85 geht es um zwei Gefühle, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Doch wie gegensätzlich sind diese wirklich? Ich hasse und ich liebe. Gleichzeitig.
Catull kombiniert die zwei stärksten Gefühle eines Menschen in einem Satz. Wie weit Hass und Liebe in der Theorie voneinander entfernt sind, so nahe können sie sich im echten Leben stehen.
Ist es möglich für einen Menschen, beide gleichzeitig zu empfinden? Das lyrische Ich scheint sich diese Frage auch zu stellen, denn es bittet ein lyrisches Du um eine Antwort. Ob es sich dabei um eine reale Person handelt oder um eine, im Selbstgespräch verwendete, rhetorische Frage, ist nicht ganz klar. Jedoch wirkt es so, als ob es sich damit abfindet, auch wenn es es sich nicht erklären kann. Die Kombination von Hass und Liebe ist real; egal, ob mit oder ohne logische Erklärung, es fühlt sie und quält sich. (Jo de Sà, 24gA)




























































